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Interkulturelle Kommunikation Binationale Familien / Lebensgemeinschaften Kulturdifferenzen und Konflikte

Von Yvonne Volkmar – SIM Management Training & Coaching

1. Einleitung

Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen treffen aufeinander, lernen sich näher kennen und lieben. Diese binationalen Menschen erleben als Familie oder Lebensgemeinschaft in den verschiedensten Themenbereichen Situationen, die von Missverständnissen, Streit und Konflikten geprägt sein können.

Finden Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zueinander, so ist dies nicht nur eine Herausforderung für jeden Einzelnen/jede Einzelne, sondern es ist auch eine Entdeckungsreise im Hinblick auf die Vielfalt der Werte, Haltungen und Einstellungen sowie Konfliktlösungsstrategien.

black and white

Diese Thesis war die Grundlage meiner approbierten Masterthesis mit der Forschungsfrage: Welche interpersonellen Muster als bevorzugte Interaktionsmuster werden zur Konfliktlösung von jungen binationalen Paaren verwendet?

Einige zwischenmenschliche Muster haben „psychopathologisierende“ Auswirkungen, während andere hingegen „heilende“ oder „Wellness“-Auswirkungen haben. (Tomm, 1991, S. 21). Ein Beispiel eines grundlegenden Pathologizing Interpersonal Pattern (PIP) zwischen zwei Personen ist: „Kritik lädt zu einer weiteren Abwehrhaltung ein und die Abwehrhaltung zu weiterer Kritik usw.'' Healing Interpersonal Pattern (HIP), das als spezifisches Gegenmittel gegen oben genanntes PIP dienen könnte, lautet „selektives Wahrnehmen und Anerkennung von Kompetenz“. (Tomm, 2014, S. 24).

pip hip

Möglichkeiten, die Interaktionen bewusst zu machen sind oft der erste Schritt, um die Interaktionen zu unterbrechen bzw. um eine Heilungsalternative zu finden. Solch eine klärende Unterhaltung wäre als Beispiel ein Transforming Interpersonal Pattern (TIP), welches einen Übergang von PIP zu HIP ermöglicht.

 

2. Methode

Der Forschungsgegenstand waren heterosexuelle, binationale Paare im Alter von 21 bis 37 Jahren, die aus 6 verschiedenen Nationen stammen. Als Erhebungsmethode wurde das „problemzentrierte Rollenspiel“ für das qualitative Experiment gewählt. Die Schwerpunkte der Konfliktsituationen, die den „Rahmen“ für die jeweiligen Rollenspiele bildeten, wurden durch die eigenen Wahrnehmungen der Herausforderungen und der möglichen Konflikte aufgrund der Kulturdifferenzen junger binationaler Paare erarbeitet.

Durch „informelle Gespräche“ mit den Beforschenden konnten sechs verschiedene Konfliktsituationen eruiert und definiert werden, die als Grundlage für das Erfassen der bevorzugten und angewandten Interaktionsmuster der Konfliktbewältigungsstrategien dienten.

  • Rollenspiel 1 – Erziehung der Kinder – nach welcher Religion?
  • Rollenspiel 2 – Erziehung der Kinder – wie im Herkunftsland der Mutter oder der „übervorsichtigen Schwiegermutter“?
  • Rollenspiel 3 – „Dankbarkeit“ – Aufenthaltsgenehmigung
  • Rollenspiel 4 – Finanzen – Umgang mit Geld
  • Rollenspiel 5 – Unterschiedliche Kulturen – „Bei uns ist das aber so üblich.“
  • Rollenspiel 6 – Druck von außen – Ablehnung oder Rückzug von alten Freunden

Die Rollenspiele wurden mit einem digitalen Audioaufnahmegerät aufgezeichnet und transkripiert, so dass die kommunikativen Aussagen zur Datenauswertung dienten. Bei der Festlegung der Kategorien wurde induktiv vorgegangen. In Anlehnung an das Vorgehen des offenen Kodierens wurden beschriebene Phänomen benannt, gruppiert und verdichtet. Ergänzend zur ursprünglichen Fragestellung konnte so ein vorläufiges System aus Kategorien und Subkategorien gewonnen werden, welches als Grundlage für die weitere Auswertung diente.
Im Anschluss wurden die erhobenen Daten mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) ausgewertet.

 

3. Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigten, dass die Mehrheit der zu Beforschenden die von Karl Tomm (1991) als Interpersonal Patterns bezeichneten Interaktionsmuster sowohl das Healing Interpersonal Pattern (HIP) als auch das Transforming Interpersonal Pattern (TIP) für die Lösung der selbstgewählten Konfliktsituationen benutzten, so dass die jeweils gewählten Konfliktsituationen konstruktiv und deeskalierend bewältigt und gelöst werden konnten.

Interpersonal PatterHIPPIPTIPDIPWIP
Gesamt 179 139 154 9  

Um eine möglichst exakte Darstellung und Zuordnung der kommunikativen Aussagen aus den jeweiligen problemzentrierten Rollenspielen zu den nach Karl Tomm (1991) definierten Interpersonal Patterns zur Konfliktlösung zu erhalten, definierte ich im Verlauf der Auswertung weitere 19 Subkategorien zu den bereits fünf vorhandenen IP's, um so eine detailliertere Zuordnung der kommunikativen Aussagen zu den jeweiligen Interpersonal Patterns zu ermöglichen:

Healing IPPathologizing IPTransforming IPDeteriorating IPWellness IP
Selektives Wahrnehmen (SW) Kritik (KR) Klärung des Problems (KP) Kritik folgt Kritik (KK) Konstruktives Feedback (FB)
Selektives Anerkennen (SA) Abwehrhaltung (AH) Aktives ZUhören (AZ) Angriff (AN) Von Fehlern lernen (FL)
Zustimmung (ZU) Negative Lösung (NL) Paraphrasierung (PP)    
Offenheit zeigen (OF) Nicht-Übereinstimmung (NU) Metakommunikation (MK)    
Positive Lösung (PL) Rechtfertigung (RF)      
Lob (LB)        

Die am häufigsten verwendeten Subkategorien waren dabei sowohl die Klärung des Problems (KP) als bevorzugtes Stilmittel des TIP als auch das das Zeigen der Offenheit (OF) im Rahmen des HIP. Beide Kommunikationstechniken sind unabdingbar für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Konfliktthema, verbunden mit der Darstellung und Offenbarung der eigenen Sichtweisen, Werte und Vorstellungen.

Durch die Anwendung eines Healing oder Transforming Interpersonal Pattern, wie das Ankündigen des zu klärenden Sachverhalts, das gegenseitige aktive Zuhören, das Wahrnehmen oder auch das Offenlegen der eigenen Wünsche, Sichtweisen und Werte, entstand ein emotional stabiles zwischenmenschliches „Klima“ ohne direkte Schuldzuweisung, jedoch mit dem betonten Ansprechen der zu lösenden Konfliktsituation.

 

4. Zusammenfassung

Die Wahl der angewandten Interaktionsmuster HIP und TIP ist offensichtlich von dem gemeinsamen Wunsch geprägt, durch eine gelebte gegenseitige Akzeptanz der soziokulturellen Prägungen eine Konfliktlösung mittels einer neuen Handlungsoption im Sinne von Offenheit und Verständnis − „Wie verhält sich mein Partner? Was ist bei uns anders?“ − zu finden. Nach meiner Einschätzung ermöglicht das Anwenden von Healing und Transforming Interpersonal Patterns bei auftretenden Konflikten die Ermutigung des anderen/der anderen, seine/ihre inneren Verhaltens- und Erlebenswelten, die zuvor wenig bewusst oder sogar verdrängt wurden, zu entdecken und zu offenbaren. Überbordende Muster des Denkens und Fühlens, die von der Herkunftsfamilie und der kulturellen Prägung bestimmt sind, können mitgeteilt und damit auch aufgelockert, angepasst und/oder verändert werden.

farsight

Durch die Offenheit, sich auch mit den Augen des/der anderen zu sehen, durch Blickwinkelerweiterung wird es möglich, die Welt des/der anderen und die neu zu interpretieren. Die Liebe und das Vertrauen in den anderen/ die andere, sich zu öffnen, bilden die Basis, um herkömmliche Strukturen auch verlassen zu können und so neue Handlungsoptionen zur Lösung von Konflikten zu erzielen.

Yvonne Volkmar
Business Trainer und systemischer Coach bei SIM Management Training & Coaching

Literatur:

  • Mayring, P. (2016). Einführung in die qualitative Sozialforschung. 6. überarbeitete Auflage. Weinheim-Basel: Beltz
  • Tomm, K. (1991). Beginning of a „HIPs and PIPs“ approach to psychiatric assessment.
    The Calgary Participator 1 (1), S.21-24
  • Tomm, K. (2014). Introducting The Ipscope: A Systemic Assessment Tool for Distinguishing Interpersonal Patterns. In K. - Tomm, D.Wulff, St. George & T. Strong (Eds). Patterns of interpersonal interactions: Inviting Relational Understandings for Therapeutic Change. S. 13-35. Routledge: New York

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